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Die Ballerina

Die menschliche Bürde der Sterblichkeit ist eine schwere Last für jeden von uns.
Während der ersten zwei Lebensjahrzehnte scheint alles in geordneten Bahnen zu verlaufen: Wir werden in den wärmenden Schoß unserer Mutter geboren, lernen unsere kleinbrüstige Kindergärtnerin lieben, fiebern in schlaflosen Nächten unserem ersten Schultag entgegen.
Und dann geht alles ganz schnell: Die Grundschulzeit, geprägt von einer inbrünstigen Leidenschaft für unsere Lehrerin und den ersten infantil-intimen Kontakten zum anderen und eigenen Geschlecht, vollzieht sich wie der Versuch einer Ballerina, den perfekten Spagat zu machen: Tag für Tag versucht sie dem sicheren Boden ein Stück näher zu kommen.
Wir sehnen uns auch danach. Wir glauben, wir heben sonst ab. Wir verstehen die Welt nicht und suchen Geborgenheit im Klammergriff um den Hasen, der unser Bett seit dem Tage unserer Geburt vor bösen Geistern schützt.
Obwohl wir ganz genau wissen, dass sich das für ein Schulkind nicht gehört.

Sobald die Intimität der Ballerina den Boden berührt, ist sie zufrieden. Nun kann sie sich einer neuen Herausforderungen stellen: Sie will das perfekte Rad schlagen. Ihre ersten Versuche sind noch holprig und bei dem Versuch, den Mittelpunkt ihres Körpers zu überwinden, wird ihr schwindelig. Aber sie genießt das Gefühl der Schwerelosigkeit. Sie schlägt Rad um Rad und sie will immer mehr, sie will es immer schneller.
Nach dem Abschluss der Grundschule, dem Vollzug des ersten Reifegrades, schlagen wir auch Rad um Rad. Uns wird unwillkürlich schwindelig und wir übergeben uns mehrmals bei dem Versuch, ein Rad in den Himmel zu schlagen. Denn dort zieht es uns hin: Wir wollen den sicheren Boden verlassen, begraben den Hasen unter der Erde, die genährt ist von der Peinlichkeit der Kinderschuhe, die uns immer enger werden. Wir wollen fliegen, aber uns fehlen die Flügel. Wir wollen ficken, aber uns überkommt Angst und Ekel. Wir wollen weg, aber ein unsichtbares Seil hält uns zurück.

Sobald die Schulzeit, die sich wie eine einzelne Pirouette vollzieht, um ist, stehen wir auf der großen Bühne. Die Ballerina hat hart trainiert, sie hat Rad um Rad geschlagen, sie ist dem Boden in vielerlei Hinsicht nahe gekommen, um sich im Sekundenbruchteil wieder den Scheinwerfern entgegenzurecken. Der Dirigent erhebt den Stock, die Streicher setzen an und die Ballerina empfängt Rosen und Ovationen.
Sobald wir auf der großen Bühne stehen, wird uns schwindelig. Der Saal ist ausverkauft und die Erwartungen hoch. Die Menschen, die wir zu lieben glauben, sitzen in der ersten Reihe. Sie haben je zwei gefüllte Taschen: eine mit unseren Lieblingsblumen und eine mit faulen Tomaten. Die Musik beginnt, wir verpassen unseren Einsatz. Das Publikum wird unruhig und wir rutschen aus; brechen uns Hals und Bein, genauso wie es uns prophezeit wurde. Die Blumen verschwinden unter den Sitzen und die Tomaten ergießen sich wie ein Gewitter, begleitet vom Donner der Enttäuschung und Wut.
So stehen wir also da. Im Scheinwerferlicht. Im Leben. Und unsere Mutter weint, weil wir gefallen sind.

Der Schulabschluss ist wie die geglückte Generalprobe zu unserer großen Show: Wir sind ausgelassen, tanzen, haben Träume von Zukunft und Ruhm. Wir werden motiviert, uns werden die Sterne versprochen. Wir haben unsere Erfahrungen gemacht: sind dem Himmel entgegengewachsen, haben gefickt, waren weg, sind wieder zurückgekommen. Und am Abend der Aufführung versagen wir. Niemand hat uns gewarnt. Wir wussten nichts von dem glatten Bühnenboden, vom Schweiß, der unsere Hände feucht und unbrauchbar macht.

Aber wir geben nicht auf, denn unsere einzig wahre Schwäche, die Angst vor dem Ende, unsere Sterblichkeit, erschreckt uns. Und wir buddeln den Hasen wieder aus, wärmen uns an seinem feuchten Fell und blicken in seine schwarzen gütigen Knopfaugen.

Ther’s no business like show business.
26.9.07 14:50
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Miri / Website (26.9.07 17:30)
Dezent-aufdringliche Werbung, da musste ich doch gleich mal gucken. Ich bin grad ein bisschen 'wow' also spar ich mir den zweiten Text für später auf. Lieb dich!

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