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Die alten Augen und der Horizont

Gemeinsam gingen sie die breite Straße entlang. Die Sonne war bereits hinter den hohen Häusern und dem großen Einkaufszentrum verschwunden und riesige Schatten hingen nun über ihren Köpfen.
Obwohl die Straße sehr befahren schien, war es ungewöhnlich ruhig für diese Tageszeit. Vielleicht lag es aber auch bloß an Margots schlechten Ohren.
Als Mädchen hatte sie es immer genossen, unter der großen Ulme hinter ihrem Elternhaus zu liegen und dem plätschernden Bach zu lauschen, der parallel zum Rücken des Hauses lief und zur Bewässerung des Gartens genutzt wurde. Nun war sie froh, noch die Motorengeräusche der Autos dumpf wahrzunehmen, als ein Lastwagen mit einem Ächzen und quietschenden Reifen neben ihr hielt.
Margot erschrak.

Ein gutes Zeichen, denke ich.

Els verspürte ein Zucken zu ihrer Rechten. Sie blickte zur Seite und sah einen großen Wagen am Straßenrand stehen. Sie suchte den Blickkontakt und bemerkte ein kleines Lächeln auf den Lippen ihrer Freundin.
Selbst mit ihren schlechten Augen konnte Els die tiefen Falten um Margots Mundwinkel erkennen. Mit ein paar Lücken hatte sie all die Jahre die Veränderungen in diesem Gesicht beobachtet: Die Haut war blasser geworden, ihre Stirn tiefer und die Ohren größer. Flecken hatten sich an Hals und Schläfen gebildet und Margots graue Augen wirkten schwer und müde.
Doch ihr Lächeln erinnerte noch immer an das junge Mädchen, das sie jeden Tag nach der Schule besucht hatte.
Sie hatten es geliebt, über den kleinen Bach hinter Margots Haus zu hüpfen, hinein in den großen Wald, der sich direkt hinter dem Verlauf des Wassers erstreckte. „Passt auf die Pumpe auf!“, hatte ihnen Margots Vater jedes Mal hinterhergebrüllt.
Wegen eines kaputten Knies war er vom Kriegsdienst freigestellt, konnte deshalb aber auch keine Arbeit aufnehmen, sodass das selbstangebaute Gemüse Margots Familie ernährte.

Den hast du auch überlebt, Kleines.

Margot und Els erreichten die Kreuzung, die in ihre Straße führte. Erst bei der zweiten Grünphase schafften sie es, die breite vierspurige Straße und die mit Gras bepflanzte Verkehrsinsel hinter sich zu lassen.
Sie bogen links ab und schon von Weitem -und trotz ihrer alten Augen- erkannten sie das große hölzerne Tor. Els lebte schon seit vier Jahren dort. Margot war ihr zwei Jahre später gefolgt.

Oder waren es erst drei?

Nachdem ihr zweiter Mann gestorben war, hatte Els noch einige Jahre alleine in dem großen Haus, mit den weißen Spitzengardinen in den Fenstern, am Stadtrand gelebt. Wilhelm war ein fleißiger Mann gewesen, bis eine schwere Lungenentzündung erst seinen Körper und dann seinen Geist lähmte.
Klaus, ihr erster Mann, war eines Nachts nicht nach Hause gekommen. Zwei Tage später fand man seinen Körper am Flussrand. „Ertrunken“, hatte ihr ein kleiner pummeliger Polizist mitgeteilt.
Els hatte nicht um ihn geweint.
Sie blickte ihrer Freundin hinterher, die wieder mal schneller war als sie selbst.

Schon mehr als zweimal hast du meine Hand gehalten.

Margot drehte sich um und wartete vor dem Tor. Obwohl sie nur zwei Jahre jünger war und bereits zwei Operationen an der Hüfte überstanden hatte, war sie ihrer Freundin wieder mal ein paar Schritte voraus.

Du warst schon immer die Besonnenere von uns beiden.

Wie Karl, Margots erster und einziger Mann. Er hatte es geliebt, durch die Innenstadt zu spazieren und sich gründlich jedes Schaufenster anzusehen.
Eines Tages verließ er sie.
Seiner neuen Frau, der Verkäuferin einer Boutique, an der er immer besonders besonnen vorbeigegangen war, schenkte er zwei Söhne und eine Tochter.
Margot hatte zwei Monate und vier Tage geweint, bis Els sie mit einer Ohrfeige wieder ins Leben holte.

Habe ich dir je dafür gedankt?

Sie hatte nie Kinder gehabt, genau wie Els.
Als diese ihre Freundin einholte, schauten sie sich einen Augenblick lang an. Zum ersten Mal an diesem Tag.

Du brauchst mir nicht zu danken.

Gemeinsam betraten sie das Gelände des großen alten steinernen Hauses mit den zwei Seitenflügeln und erklommen die fünf hohen Stufen zum Eingang.
„Eines Tages brech’ ich mir hier noch alle Knochen“, krächzte Els. Sie packte den Arm ihrer Freundin und half ihr die letzten beiden Stufen hoch.

Ich liebe dich.

„Ach, halt den Mund, du altes Weib und sei froh, dass wir noch unsere eigenen Beine benutzen!“, krächzte die Andere außer Atem zurück.

Ich liebe dich auch.

 

26.9.07 16:15
 


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